Photo credits: Martin Ender / Elisabeth Engel (MUL – CT)

Behandlungen von Hirntumoren in Tansania ermöglichen

ZEISS unterstützt Kooperation

Im Oktober 2025 reiste ein Team der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem (MUL – CT) und des Universitätsklinikums Augsburg in das Bugando Medical Center (BMC) in Mwanza (Nordwesttansania). Ihr Ziel: Menschen, die an bösartigen und ungewöhnlich großen Gehirntumoren leiden, eine Behandlung ermöglichen. Das Ärzteteam um Dr. Ehab Shiban, Dr. Maria Kipele und Dr. Henning Kahl konnte bei den geplanten medizinischen Eingriffen auf fortschrittliche Technologien wie neuronavigierte Tumorresektion, intraoperative Strahlentherapie und Neuromonitoring setzten. Im Gepäck hatten sie u.a. das ZEISS INTRABEAM 600 und das ZEISS CONVIVO.* Gemeinsam mit dem Ärzteteam des BMC ermöglichten sie die allererste intraoperative Strahlentherapie am Gehirn auf dem afrikanischen Kontinent.

Trotz Unterbrechungen aufgrund von Protesten im Zusammenhang mit Wahlen in Tansania, die zu einer vorübergehenden Ausgangssperre führten, konnte das Ärzteteam täglich mehrere Operationen in zwei Operationssälen erfolgreich abschließen. Es war kein einmaliger Einsatz, sondern der Beginn einer langfristigen Partnerschaft zum Aufbau einer Neurochirurgischen Klinik am BMC, unterstützt durch die Neurochirurgische Klinik der MUL – CT, das Gesundheitsministerium von Tansania und die Bereitstellung mobiler Medizintechnik durch Industriepartner wie ZEISS. Im Interview sprechen der Leiter der medizinischen Eingriffe Dr. Ehab Shiban und seine Kollegin Dr. Maria Kipele über die Vorbereitung der Reise, langfristige Ziele und was der Impulse für das Projekt gewesen ist.

Warum haben Sie die Region und das Bugando Medical Centre (BMC) in Mwanza für diese Mission ausgewählt?

Dr. Maria Kipele: Ich habe einen Teil meines Medizinstudiums am BMC in Mwanza absolviert und wusste, dass dort eine hohe Nachfrage nach Chirurginnen und Chirurgen besteht, insbesondere in der Neurochirurgie. Ich erinnere mich, dass wir viele neurochirurgische Patientinnen und Patienten hatten, besonders Kinder, das BMC jedoch über keine neurochirurgische Abteilung verfügte. Heute ist die Situation eine andere, denn mit Dr. Gerald Mayaya, Leiter der neurochirurgischen Abteilung des BMC, und den Neurochirurgen Dr. James Lubuulwa und Dr. Misso Mpeji ist das BMC gut aufgestellt. Das Team ist voll ausgebildet, jedoch nicht für komplexe chirurgische Eingriffe bei Gehirntumoren.

Wie viele Patientinnen und Patienten können wöchentlich in der neurochirurgischen Abteilung des BMC behandelt werden?

Dr. Maria Kipele: Im Allgemeinen ist die Situation in Tansania für Menschen mit schweren Hirntumoren prekär, da der Zugang zur medizinischen Versorgung und die Möglichkeit einer frühzeitigen Diagnose gefolgt von adäquater Therapie schwierig sind. Das BMC bedient ein sehr großes Einzugsgebiet von etwa 20 Millionen Menschen in der Lake- und Westzone von Tansania. Die neurochirurgische Abteilung führt jährlich etwa 600 grundlegende neurochirurgische Eingriffe durch. Die wöchentlichen Fallzahlen variieren je nach Notfall, Kapazität des Operationssaals und Personalbestand. Die nächste neurochirurgische Klinik des Landes liegt rund 1.100 km entfernt in Dar es Salaam.

Photo credits: Martin Ender / Elisabeth Engel (MUL – CT)

Welche Eingriffe haben Sie während Ihres Aufenthalts im BMC ermöglichen können und wie haben Sie sich in Deutschland auf die Operationen in Tansania vorbereitet?

Prof. Dr. Ehab Shiban: Während unserer ersten Missionswoche Ende Oktober 2025 führten wir zehn Gehirntumoroperationen durch und etablierten Arbeitsabläufe, die wiederholt und skaliert werden können. Wir haben uns auf komplexe intrakranielle Tumorfälle konzentriert, bei denen fortschrittliche unterstützende Technologien – mikrochirurgische Techniken, Neuro-Navigation und Neuromonitoring – die Sicherheit und die Resektionsstrategie erheblich verbessern konnten.

Dr. Maria Kipele: Das Team des BMC hat uns die Patientenunterlagen vorab zur Verfügung gestellt, sodass wir die Fälle lange vor unserer Reise nach Tansania besprechen konnten. Ich reiste eine Woche früher nach Mwanza, um die Vorbereitungen zu unterstützen. Mit der Unterstützung des lokalen Teams konnten wir die präoperativen Gespräche mit den Patientinnen und Patienten sowie deren Familien vor Ort führen. Viele äußerten Hoffnung und Dankbarkeit, dass eine so fortschrittliche Versorgung bereitgestellt wird und sie dafür keine langen Reisen auf sich nehmen müssen.

Wie entstand eigentlich die Idee für das Projekt? Ging es Ihnen eher um die Behandlung seltener Gehirntumore oder bot die technische Ausstattung, die sie mit nach Tansania gebracht haben, eine vielversprechende Möglichkeit für das BMC?

Prof. Dr. Ehab Shiban: Im Juni erzählte mir Dr. Kipele von ihrem Traum, in ihre Heimat zurückzukehren und ihr Land in 10 bis 15 Jahren zu unterstützen. Ich antwortete: „Warum so lange warten? Wir können sofort anfangen.“ Kurz darauf kontaktierten wir ZEISS und erhielten kurz darauf positive Rückmeldung.

In unserem Gepäck hatten wir das ZEISS CONVIVO für die histopathologische Untersuchung von Zellstrukturen. Dies ermöglicht es, die Zellstrukturen direkt im Operationssaal in Echtzeit nach der Tumorresektion zu überprüfen und mögliche bösartige Tumorreste zu erkennen. Während desselben Eingriffs kann anschließend das Tumorbett mit intraoperativer Strahlentherapie (IORT) behandelt werden. Durch diese Art der Bestrahlung kann mögliches nicht gefundenes Resttumorgewebe und die Wand der Tumorhöhle sterilisiert werden. Für die IORT stand uns das ZEISS INTRABEAM 600 zur Verfügung. Für die Tumorpatientinnen und -patienten des BMC war dies eine vielversprechende Option, doch unsere Mission basiert auf Dr. Kipeles Wunsch, ihre Heimat medizinisch zu unterstützen.

Während ihres Aufenthalts in Tansania gab es politische Unruhen und in diesem Zusammenhang kein Internet – eine entscheidende Voraussetzung für ein geplante digitale Zusammenarbeit: Während der Operationen sollten die Gewebeproben aus dem OP in Mwanza in Echtzeit nach Deutschland gesendet und umgehend von einem Pathologen in München ausgewertet werden. Welche Möglichkeiten bietet eine solche histopathologische Untersuchung in einem Land wie Tansania, wo konventionelle pathologische Ressourcen eher begrenzt sind?

Prof. Dr. Ehab Shiban: Sie ermöglicht schnellere intraoperative Entscheidungen und unterstützt die chirurgische Präzision. Nach einer Tumorresektion können mit dem ZEISS CONVIVO die Zellstrukturen direkt im OP und in Echtzeit geprüft und mögliche bösartige Tumorreste erkannt werden. Für unser Tumorpatientinnen und -patienten in Tansania hätte das fundiertere Entscheidungen ermöglicht und das Vertrauen in die chirurgische Strategie gestärkt – insbesondere in komplexen Fällen, in denen jede zusätzliche Information die Sicherheit verbessert. Zudem hätte es die Denkweise „richtige Behandlung, richtiger Umfang, richtige Zeit“ unterstützt, was besonders wertvoll ist, wenn Nachsorgeressourcen und adjuvante Therapien begrenzt sind.

Da geben Sie ein neues Stichwort, denn zu den adjuvanten Therapien zählt bei der Krebsbehandlung auch die konventionelle externe Strahlentherapie. Welche Möglichkeiten bietet im Vergleich dazu die intraoperative Strahlentherapie (IORT) für neurochirurgische Patientinnen und Patienten in Tansania?

Prof. Dr. Ehab Shiban: Die intraoperative Strahlentherapie ist in der Neurochirurgie bislang kaum etabliert und stellt gerade unter den schwierigen Bedingungen in Tansania eine echte medizinische Innovation dar. Bestätigt sich der Verdacht eines bösartigen Tumors, ermöglicht die IORT eine einmalige, zielgerichtete Bestrahlung des Tumorbetts unmittelbar nach der Resektion also noch im OP – ohne Zeitverzug und mit hoher Präzision. So lässt sich die onkologische Versorgungslücke schließen, denn die postoperative Strahlentherapie kann für Patientinnen und Patienten in Tansania eine logistische Herausforderung sein. Während unserer Mission in Tansania haben wir zum ersten Mal in Afrika die intraoperative Strahlentherapie für die Therapie eines Gehirntumors eingesetzt.

Diese erste Woche in Tansania ist Teil einer strategischen Partnerschaft zwischen der MUL und des BMC mit dem Ziel, ein langfristiges Kooperationsnetzwerk aufzubauen, mit Fortbildungsmaßnahmen und telemedizinischen Lösungen sowie gemeinsamen Fallbesprechungen. Welche Techniken und Verfahren konnten Sie dem medizinischen Team des BMC bereits vermitteln und wie arbeiten Sie derzeit zusammen?

Dr. Maria Kipele: Unser langfristiges Ziel ist ein selbsttragendes Programm für Schädel-Tumorchirurgie mit lokaler Verantwortung, das Ausbildung, standardisierte Verfahren, Qualitätskontrollen und einen skalierbaren telemedizinischen Weg von der Voruntersuchung bis zur postoperativen Nachsorge umfasst. Der Aufbau der Kapazitäten erfolgt schrittweise und erfordert nachhaltige Betreuung. Während unserer ersten Mission im Oktober konzentrierten wir uns auf praktische Elemente wie mikrochirurgische Arbeitsabläufe, strukturierte Sicherheits-Checklisten, Unterstützung durch Neuronavigation, intraoperative Neuromonitoring-Konzepte und teamgestützte Entscheidungsfindung in komplexen Fällen.

Die nächste Mission ist für März 2026 geplant, wobei die Trainings und Behandlungen auf den Maßnahmen von Oktober aufbauen. Wir werden die Komplexität der Fälle schrittweise erhöhen, perioperative Routinen stärken und die unabhängige Arbeitsweise des lokalen Teams stärken.

Welche Unterstützung benötigen Sie, um die Ziele der Zusammenarbeit zu erreichen?

Dr. Maria Kipele: Die entscheidenden Anforderungen sind Zuverlässigkeit und Kontinuität: eine stabile Infrastruktur, regelmäßige Wartung der Geräte, Zugang zu wesentlichen Verbrauchsmaterialien, strukturierte Trainingszeiten sowie ein robustes telemedizinisches Setup, das Konnektivität, sichere Arbeitsabläufe und umfassende Dokumentation gewährleistet.

Warum ist es heutzutage so wichtig, auch über Grenzen und Kontinente hinweg zusammenzuarbeiten?

Dr. Maria Kipele: Weil gesundheitliche Herausforderungen nicht an Grenzen haltmachen. Die Zusammenarbeit über Kontinente hinweg beschleunigt das Lernen in beide Richtungen: Sie bringt fortschrittliche Versorgung dorthin, wo sie dringend benötigt wird, und zwingt uns, neue Wege zu gehen und Innovationen zu etablieren, die Arbeitsabläufe effizienter, sicherer und widerstandsfähiger machen. In einer global vernetzten Welt sind gemeinsame Standards, gemeinsames Training und geteilte Verantwortung nicht mehr optional – sie sind die Zukunft.

Photo credits: Martin Ender / Elisabeth Engel (MUL – CT)
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