Fall

Bedarfsgerichtete Innovation

Ein persönlicher Erfahrungsbericht zur effizienten, kontrollierten 27-Gauge-Vitrektomie
1. August 2026 · 7 Min. Lesedauer
Portrait Prof. Dr. med. Mitrofanis Pavlidis
AUTOR Prof. Dr. med. Mitrofanis Pavlidis Facharzt für Augenheilkunde am Augencentrum Köln und außerplanmäßiger Professor an der Universität Münster. Er gehört zu den ersten Augenärzten in Deutschland, die eine 27-Gauge-Vitrektomie durchgeführt haben.

Die Entwicklung der vitreoretinalen Chirurgie hängt seit jeher eng mit dem klinischen Bedarf und dem technischen Fortschritt zusammen. Das gilt auch für die Kleinschnittvitrektomie und insbesondere die im Jahr 2009 eingeführten 27-Gauge-Systeme (27-G).1 Dass ein kleinerer Einschnitt das chirurgische Trauma verringert, die Wundheilung verbessert und die Genesung beschleunigt, klang zunächst überzeugend. Erste klinische Erfahrungen zeigten jedoch, dass zwischen theoretischen Vorteilen und tatsächlichen Ergebnissen eine enorme Lücke klaffte.

Als ich 2012 zum ersten Mal ein 27-G-System verwendete, stellte ich fest, dass die Kernvitrektomie im Vergleich zu größeren Systemen zeitaufwendiger ist. Das Abtragen des peripheren Glaskörpers war ineffizient und zu umständlich. Der geringe Innendurchmesser der Instrumente und der schwache Saugstrom verlängerten den Eingriff. Da die Instrumente zudem eine hohe Flexibilität aufwiesen, war eine präzise Kontrolle insbesondere bei anspruchsvollen Fällen erschwert.

Deshalb wollte ich eine Technologie entwickeln, die die Vorteile der minimalinvasiven Chirurgie mit der Leistungsfähigkeit größerer Systeme kombiniert – oder diese sogar verbessert. Um dieses Ziel zu erreichen, ging ich eine langfristige Partnerschaft mit DORC ein, die 2012 in der ersten Doppelschnittvitrektomie (TDC) mündete. 2025 brachten wir dann mit DORC TDC VELOCE einen Hochgeschwindigkeits-Cutter der nächsten Generation heraus, der in der vitreoretinalen Chirurgie für Effizienz, Stabilität und Kontrolle sorgt.

Frühe Konzeptstudien des Verfassers für die Entwicklung des Twin-Cycle-Cutters.
Frühe Konzeptstudien des Verfassers für die Entwicklung des Twin-Cycle-Cutters.

Abbildung 1. Erste Skizzen des TDC-Cutters (Twin Duty Cycle).

Abbildung 1. Erste Skizzen des TDC-Cutters (Twin Duty Cycle).

Entstehungsgeschichte DORC TDC VELOCE:
Kurzübersicht

Bei der Zusammenarbeit mit DORC profitierte ich von der Innovationskraft des Unternehmens und der damit einhergehenden Bereitschaft, grundlegende technische Konzepte anders anzugehen. Die Entwicklung eines effizienteren Cutters für die 27-G-Vitrektomie stand im Mittelpunkt unserer Zusammenarbeit. Herkömmliche „Guillotinen“ haben nur eine Öffnung, die sich abwechselnd öffnet und schließt. Das unterbricht allerdings den Aspirationsfluss und schränkt somit Schnittgeschwindigkeit und Effizienz ein. Je höher die Schnittgeschwindigkeit, desto geringer sind Einschaltdauer und effektiver Durchfluss – ein Effekt, der insbesondere bei kleineren Systemen von Bedeutung ist, bei denen der Grunddurchfluss ohnehin begrenzt ist. Zudem verursacht die regelmäßige Bewegung des Glaskörpers in der Schließphase eine gewisse Traktion und führt zu einem unkontrollierten Abtrag rund um die abgelöste Netzhaut.

Nach mehreren Ansätzen (Abbildung 1) entstand die Idee für einen TDC-Cutter (Twin Duty Cycle). Mit seinem durchgehend geöffneten Eingang und der zweiten Schneidöffnung an der inneren Klinge sorgt der TDC-Cutter für einen nahezu ununterbrochenen Aspirationsfluss, der weitgehend unabhängig von der Schnittfrequenz ist. Strömungstechnisch ist das eine entscheidende Veränderung, da der Durchfluss nun nicht mehr vom Öffnen und Schließen einer einzigen Öffnung abhängt.

Grafik mit den Merkmalen von DORC TDC VELOCE™ wie größerem Innenlumen, erhöhter Steifigkeit und ergonomischen Verbesserungen.
Grafik mit den Merkmalen von DORC TDC VELOCE™ wie größerem Innenlumen, erhöhter Steifigkeit und ergonomischen Verbesserungen.

Abbildung 2. DORC TDC VELOCE

Abbildung 2. DORC TDC VELOCE

Erste In-vitro-Versuche belegten eine deutliche Steigerung der Aspirationsleistung im Vergleich zu herkömmlichen Schneidegeräten. Diese Ergebnisse konnten in der klinischen Praxis bestätigt werden, wo der verbesserte Durchfluss eine effizientere Glaskörperentfernung ermöglichte, ohne die Sicherheit einzuschränken. In unserer ersten TDC-Studie konnten wir so beweisen, dass sich Schneidleistung und Aspirationsfluss voneinander entkoppeln lassen.2

Es waren aber noch einige Verbesserungen erforderlich, um einen 27-G-Vitrektomie-Cutter zu entwickeln, der die Effizienz größerer Systeme erreicht oder sogar übertrifft. Außerdem musste die Steifigkeit erhöht werden, um die Manövrierfähigkeit zu verbessern.

Mit DORC TDC VELOCE haben wir genau das erreicht. Die Neukonstruktion beinhaltet Änderungen an Material und Innengeometrie sowie geringere Maßtoleranzen, die die Strömungsdynamik verbessern und die Steifigkeit so erhöhen, dass sie der von 25-G-Instrumenten nahekommt. Auch am Handstück wurden Verbesserungen vorgenommen, um die Ergonomie bei chirurgischen Eingriffen zu optimieren (Abbildung 2).

Grafik zur Dauer der Kernvitrektomie mit verschiedenen Vitrektomiesystemen (in Sekunden): TDC 16K, TDC VELOCE 16K und TDC VELOCE 20K; mit Angaben zu Median und Varianz.
Grafik zur Dauer der Kernvitrektomie mit verschiedenen Vitrektomiesystemen (in Sekunden): TDC 16K, TDC VELOCE 16K und TDC VELOCE 20K; mit Angaben zu Median und Varianz.

Abbildung 3. Dauer der Kernvitrektomie mit DORC TDC und DORC TDC VELOCE

Abbildung 3. Dauer der Kernvitrektomie mit DORC TDC und DORC TDC VELOCE

Im Rahmen von In-vitro- und In-vivo-Studien stellten wir fest, dass TDC VELOCE im Vergleich zu herkömmlichen TDC-Sonden mit 27-G und 16.000 Schnitten pro Minute (DORC) einen (je nach Medium 30–60 %) höheren Aspirationsfluss bei bis zu 20.000 Schnitten pro Minute erzielte (Abbildung 3).3

Hinweis: Die Maximalfrequenz von EVA NEXUS liegt bei 10.000 Zyklen pro Minute. Die maximale Schnittgeschwindigkeit des pneumatischen Hochgeschwindigkeitsvitrektoms verdoppelt sich effektiv auf 20.000 Schnitte pro Minute, wenn ein zweidimensionales Schneidevitrektom wie TDC VELOCE verwendet wird

Weitere Verbesserungen

Die Leistungsfähigkeit eines Vitrektomiesystems hängt nicht nur vom Cutter ab. Auch die Fluidik spielt eine zentrale Rolle. Es zeigte sich, dass das volle Potenzial von DORC TDC VELOCE nur mit einem modernen Fluidkontrollsystem erreicht werden kann.

Genau das ermöglicht die Plattform DORC EVA NEXUS mit VACUFLOW VTi als Pumpe. Sie unterscheidet sich grundlegend von herkömmlichen Peristaltik- oder Venturi-Systemen und sorgt für eine schnelle lineare Unterdruck- und Irrigationskontrolle sowie Vorder- und Hinterkammerstabilität. Außerdem regelt die SMART IOP Technologie (mit TDC VELOCE für die Hinterabschnittschirurgie) den Augeninnendruck kontinuierlich, indem sie den Zu- und Abfluss dynamisch ausgleicht. Und zu guter Letzt sorgt der Druckausgleich für ein stabiles intraokulares Milieu und erhöht so die Operationssicherheit. Um allen Herausforderungen in der 27-G-Chirurgie gerecht zu werden, brauchte es zudem Verbesserungen an Beleuchtung und Instrumenten. Fortschritte in der LED-Technologie glichen den geringeren Durchmesser der 27-G-Lichtsonden aus, während Verbesserungen an Material und Konstruktion die Steifigkeit der Instrumente und die Bediengenauigkeit erhöhten. Im Jahr 2015 fiel mir auf, dass die fehlende 27-G-Peeling-Pinzette ein wesentliches Hindernis war. Also entwickelte ich zusammen mit den Ingenieuren von DORC eine 27-G-Pinzette mit breitem Griff, die mehr Gewebe fassen kann, weniger Handgriffe erfordert und so ein kontrollierteres und effizienteres Ablösen der epiretinalen Membran und der inneren Grenzmembran ermöglicht. 

Erkenntnisse aus der Praxis

Die klinischen Erfahrungen mit dem Kombisystem verdeutlichen dessen Vorteile in mehreren wichtigen Anwendungsfällen. Der erhöhte Aspirationsfluss verbessert die Induzierung der hinteren Glaskörperablösung bei Operationen mit 27-G-Kanülen und verkürzt die Dauer der Kernvitrektomie bei Augen mit dichtem, teilweise verflüssigtem Glaskörper erheblich. Zudem wird die Aspirationsdauer und damit die Eingriffsdauer in mehreren Schritten erheblich verkürzt, u. a. dem Flüssigkeits-Luft-Austausch und der Entfernung von Perfluorkohlenstoffflüssigkeiten, Membranpartikeln und Silikontropfen. Dank der effizienten Irrigations- und Aspirationsstabilisierung kann man auch bei 20 mmHg physiologischem Augeninnendruck ohne Kammerinstabilität arbeiten und so die empfindliche Makula und den Sehnerv schonen. Beim Abtragen des peripheren Glaskörpers ermöglicht die Kombination aus hoher Schnittgeschwindigkeit und stabiler Fluidik mehr Kontrolle in der unmittelbaren Umgebung der Netzhaut. Bei komplexeren Eingriffen etwa aufgrund einer rhegmatogenen Netzhautablösung erhöht DORC EVA NEXUS mit SMART IOP Technologie die Kammerstabilität und damit die Sicherheit bei der Entfernung der Glaskörperbasis und dem Flüssigkeitsmanagement.

Die Integration moderner Technologien der chirurgischen Visualisierung bietet zusätzliche Vorteile. Ich nutze das ophthalmologische 3D-Digitalmikroskop ZEISS ARTEVO 850. Denn die Blaufilter zur Darstellung von Glaskörper und innerer Grenzmembran in Kombination mit dem EVA NEXUS Endolicht mit verstellbarer Weiß-Gelb-Beleuchtung verbessern Kontrast und Tiefenschärfe und erleichtern damit die präzise, kontrollierte Bearbeitung des Gewebes. So kann ich insbesondere mit gelbem Endolicht meistens bei bedeutend geringerer Beleuchtungsstärke arbeiten – oft gerade einmal 10–20 % der herkömmlichen Stärke. Dank der Effizienz von DORC TDC VELOCE und der somit kürzeren Operationsdauer profitieren die Patienten von einer geringeren kumulativen Lichtexposition und folglich von einem geringeren Phototoxizitätsrisiko.

Fazit

Rückblickend erfüllt DORC TDC VELOCE einen klar umrissenen klinischen Bedarf. Was als Versuch begann, die langsame und ineffiziente 27-G-Vitrektomie zu verbessern, führte zu einer grundlegenden Neukonzeption der Vitrektomietechnologie. Heute bietet die 27-G-Chirurgie genau die Minimalinvasivität, Effizienz, Stabilität und Kontrolle, die früheren Systemen fehlte. Diese Entwicklung zeigt, dass klinisches Wissen und technische Expertise für sinnvolle chirurgische Innovationen ineinandergreifen müssen – und zwar dauerhaft.


  • 1

    Oshima Y. 27‑G vitrectomy. Retina Today. April 2009. https://retinatoday.com/articles/2009‑apr/0409_09‑php. Abgerufen am 21. Mai 2026.

  • 2

    Pavlidis M. Two‑Dimensional Cutting (TDC) Vitrectome: In Vitro Flow Assessment and Prospective
    Clinical Study Evaluating Core Vitrectomy Efficiency versus Standard Vitrectome. J Ophthalmol. 2016;2016:3849316. doi: 10.1155/2016/3849316.

  • 3

    Pavlidis, M., Steel, D.H., Oh, H. Comparative flow and operating efficiency of TDC Veloce 27‑G vitrectome. Retina. 2026 Apr 28. doi: 10.1097/IAE.0000000000004870.

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  • Necessity-Driven Innovation

    A personal journey toward efficient and controlled 27-gauge vitrectomy

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